Vorwort Katalog zur Ausstellung Add Art, Hamburg

 

Carlo Cazals – Der machtlose Individualist 

Sein Thema ist der Mensch, seine künstlerische Muttersprache ist die Figur, der Gegenstand, durch den und in dem der Mensch lebt, leidet, sich freut, fühlt und denkt. Ausgangspunkt seiner Werke ist das persönlich erfahrene Leid, ob existentielle Not oder Zurückweisung und Misserfolg. Cazals Bildnerei ist Kompensat eines Rückzugs aus einer ihn enttäuschenden und einengenden Gesellschaft. 

 

Besonders die Zeichnung dient durch ihre Unmittelbarkeit dem Ausdruck seiner Erfahrungen und Emotionen. Am Anfang tragen die Arbeiten signifikant seinen Geburtsnamen „Udo Klein“, erst später werden sie Werke des Maler-Tenors „Carlo Cazals“. Der biographische, existentielle Ursprung der Zeichnungen ist deutlich, Hinweise auf seine Heimat „Hamburg - St. Pauli“ gibt er häufig. Die Traumata der Kindheit sitzen tief, der schwere Lebensweg als Künstler, sein Außenseitertum finden im künstlerischen Medium ihren Niederschlag. 

 

Über seine Lehrer lernt Cazals das kunsthistorische Arsenal der Stile und Formen kennen. Offensichtlich sind die Vorbilder Pablo Picasso, der Zerschmetterer des schönen Aktes in den „Demoiselles d´Avignon“ und Horst Janssen, das Enfant terrible der Kunstszene Hamburgs. Auch gibt es Anleihen bei den magischen Raumkonstruktionen und Gliederpuppen eines Giorgio de Chirico und den Existenzkäfigen eines Alberto Giacometti. 

 

Das Zeichnen beginnt auf einer bereits gebrauchten und damit belebten Oberfläche, die seinen Strich herausfordert, führt, Widerstand leistet und seiner schroffen Ästhetik entgegenkommt. Cazals sucht nach Malgründen mit Patina, auf denen das Leben bereits seine Spuren hinterlassen hat. Er nutzt Kratzer, Kleckse und Farbwischer als Inspiration, nimmt sie als Impuls zur Platzierung einer Form oder Gestalt. Hierauf entwickelt er das, was er seinen „skurrilen Irrationalismus“ nennt. 

Die Hand des Künstlers reagiert wie ein Seismograph auf die Regungen der Psyche. Die Arbeiten wirken ungeplant und spontan. Es ist eine subjektive Bildwelt der Phantasie und Erinnerung. Die zeitliche und räumliche Distanz macht es möglich, in der ästhetischen Struktur des Bildes unzählige Assoziationen des seelisch Erlebten zu verschmelzen. Dabei befreit eine Art Écriture automatique den kritischen Geist aus seinen rationalen Fesseln, außerhalb ästhetischer und moralischer Bedenken fließen die Gefühle und Vorstellungen auf das Papier oder die Leinwand. Rasch nach der ersten Zeichensetzung erscheinen seine Dämonen, der Stift oder Pinsel bringt sie hervor. Surreale Wesen entwachsen dem Material, der Linie und der Vision. Doch Cazals sucht nicht das Unbewusste, sondern das Bewusste. Seine Zeichnungen spiegeln Erlebnisinhalte oder sind Realisierungen konkreter Ängste und Aggressionen. In ihnen manifestiert sich sein Schmerz und Groll gegen die Realität ebenso wie das Bedürfnis nach Zuflucht in eine Kunstwelt. 

 

Teils mit elegantem Schwung, teils nervös kritzelnd zeichnet er menschliche Figuren. Allerdings basieren diese häufig auf eigenwilligen Metamorphosen. Zwittergebilde wie „Wurmtier“ und „Raubfischcharakter“ verweisen auf die animalische Seite des Menschen. Cazals persönliches Bestiarium kann symbolhaft gelesen werden, wie etwa der Widderkopf, der einerseits ein archaisches Zeichen der Virilität ist, aber ebenso Alter Ego des im April geborenen Künstlers. 

 

Meistens ist die menschliche Anatomie disproportioniert, zerstückelt und ihre plastische Integrität zerstört. Diese zersprengte Syntax spiegelt die existentielle Gefährdung. Man sieht schmerzhafte Amputationen, Fragmente, Reste oder Unvollkommenes. Das Zusammenfügen dislokalisierter Körperteile erinnert an die „Cadavres exquis“ der Surrealisten. Doch es fehlt deren spielerische Poesie; zu drastisch erscheint die Kombinatorik der versehrten Körperteile. 

 

Cazals figürliche Collagen entwickeln sich zumeist aus der Linie: das assoziative und additive Verfahren produziert nicht selten ein grobmaschiges Nervengespinst, verspannt, verknotet, ein unentwirrbares Garnknäul aus Menschenteilen, unlösbar und unentrinnbar verbunden. Es ist nicht auszumachen, ob es eine interne Beziehung zwischen den Dingen gibt oder ob es sich um eine beziehungslose Zwangsvereinigung handelt. Köpfe, ein Bein, ein abgetrennter Fuß, eine weibliche Brust, Cazals Körperteile türmen sich - verstrickt oder verkeilt, morbid und fleischlich - zu grotesken Menschenhaufen, geprägt von Erotik und Gewalt: eine eigenwillige Variation des Kalvarienberges. Sein Panoptikum schwankt zwischen sarkastischer Karikatur und dem Drama einer dysfunktionalen Menschheit. 

 

Viele dieser „objets désagréables“ erfahren in der weiteren künstlerischen Gestaltung eine Verwandlung: aus automatistischen Liniennotaten werden skulpturale Komplexe. Cazals fügt Modellierung mit Licht und Schatten hinzu, konstruiert einen perspektivischen Um-, Atelier- oder Bühnenraum, platziert seine Köpfe und Anhäufungen auf Sockel, Tische und Gestänge. Er schafft Kunstwerke im Kunstwerk. 

 

In der „Studie St. Pauli - Milieu“ sehen wir eine konvulsivische Schönheit aus schwingenden Linien und konvexen Formen. Sein Lieblingsmotiv, die Frau, wird umkreist von einem Schwarm an Nebenmotiven. Im ungehemmten und unzensierten Bewußtseinsstrom zeigt sich seine „Faszination Femina“, hier herrscht das surrealistische Lustprinzip. Doch das erotische Thema wird sublimiert, das opulente Weib scheint nicht aus Fleisch und Blut, halb Skriptum halb Skulptur landet es ohne Unterleib als Artefakt auf einem Sockel. Fetisch oder Unheil abwehrendes Apotropaion? Der Prozess des Zeichnens führt bei Cazals zu einer Konkretisierung seiner inneren Welt. In den Skulpturen erhält Gedankliches eine anschauliche Präsenz, seine Dämonen werden greifbar und zugleich gebannt. Die Objektivierung im Bild ist eine Form der Bewältigung und Befreiung. 

 

Cazals Welt ist von Leid und Leidenschaften geprägt, es ist eine Welt, in der Menschen entstehen, leiden, lieben, eine tragische Kunst, der nichts Menschliches fremd ist und in der zugleich eine übermächtige Weltangst spürbar wird. Die Zeichnung und in ihr die plastische Konzeption von Welterfahrung wird durch ihre Präsentation zur diskursiven Sprache. Zwar ist der Ursprung der Zeichen ein zutiefst subjektiver, doch die Bilder sind als Botschaft zu verstehen. In Cazals Augen sind seine Werke Manifestation einer Krise, die nicht nur die seine ist. Er selbst sieht sich als Observateur wie als Provokateur. Seine Gesellschaftskritik wird durch Annotationen und Bildtitel unterstrichen. Sie reichen von der schlichten Empirie wie „Charakterologie St. Pauli“ bis zum Defätismus: „Erwachter Unrat“ und „Höllensöhne“. Cazals, „Der machtlose Individualist“, warnt vor „Spießern“ und „Philistern“. Der deutsche Soziologe Georg Simmel schreibt: „Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbstständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren.“ Doch gibt es im Werk von Cazals Hoffnungsschimmer? Ja, wir sehen „Engelsvisionen“, „Ein Versuch: der neue Mensch“ und „Die Neuentwicklung Mensch“. Nur der „Ausgang“ bleibt winzig. 

 

Dagmar Lott-Reschke, Kunsthistorikerin Hamburger Kunsthalle 

 

 

Vorwort Katalog zur Ausstellung Kunsthalle Kühlungsborn

 

Carlo Cazals wurde 1948 als Udo Klein in Hamburg St. Pauli geboren. Schon früh zieht es den sensiblen Charakter zur Kunst und Musik. Früheste Mentorin in ästhetischen Fragen von Musik und Kunst wird seine Stimmbildnerin und Dramaturgin Gertrud Pirsch. Daneben hat der Künstler Kontakt zu Prof. Grimm, Prof. Eduard Bargheer und dem Bildhauer K.A. Ohrt. Bei ihnen sucht er Orientierung und findet die Auseinandersetzung mit dem deutschen Expressionismus und dem französisch-europäischem Surrealismus. Seine Studien- und Konzertreisen durch Frankreich und Italien prägen ihn nachhaltig. Carlo Cazals fühlt sich zum Süden hingezogen.

 

Schon früh findet er zu einem eigenen psychologisch motivierten, phantastischen Realismus, den er in der Folge weiter entwickelt. Seine bildnerischen Arbeiten spiegeln das innere, unbewusste treiben der Seele wider. Er nennt es fortan seinen „Skurrilen Irrationalismus“.
 

Skurriler Irrationalismus

"Der Irrationalismus ist ein aus der Philosophie entliehener Begriff, mit dem eine Weltanschau- ung gemeint ist, in der das rationale Denken zu Gunsten alternativer höherer Erkenntnisfunkti- onen hintenangestellt wird, oft zugunsten einer bestimmten Form der Intuition. Irrational steht hier also Widerspruch zum Rationalen, als mit dem Verstand nicht erklärbar, und somit auch im Widerspruch zur Vernunft.

Vom Unbewussten – welches beispielsweise im Surrealismus eine wichtige Rolle spielt – lässt sich das Irrationale klar abgrenzen: Unbewusste Inhalte sind Inhalte, die entweder nur zu einer gewissen Zeit nicht bewusst sind oder die nie bewusst ablaufen, die aber der Vernunft nie widersprechen. Irrational sind Sachverhalte, die dem Verstand nicht zugänglich, die also nicht erklärbar sind. Doch gerade eine irrationale, unbelastete Haltung ermöglicht uns gewisse Erkenntnisse, die uns eine rein rationale Herangehensweise verwehrt.“
 

Die Bilder fließen aus ihm heraus, suchen sich einen Weg aus dem Unbewussten, drängen sich ans Licht. Cazals fühlt sich als Medium.ES zeichnet und malt durch ihn. Die Form findet sich intuitiv. Man kann seine Arbeiten nicht im klassischen Sinne verstehen, viel eher teilen sich emotionale Spannungen, Gefühle und Seelenzustände mit. Seine Kunst braucht diese innere Zerrissenheit, dieses Leiden an sich selbst. Das ist sein innerer Antrieb.


Cazals erlebt, dass es Ausprägungen von Elend, Liebe, Leid, Hass, Leidenschaft und Aufopferung gibt, die mit dem Verstand nicht zu fassen sind. Er muss leiden, um zu malen. Die Ergebnisse kann er nicht voraussehen oder antizipieren. Die Inhalte brechen heraus und finden ihre Form spontan, fließend, provozierend, unreflektiert.
 

Cazals versucht nicht, rationales Denken bewusst zu unterdrücken, es findet in seinem Schaf- fensprozess einfach nicht statt. Ihm selbst ist es unerklärlich und nicht mit Worten zu erfassen, wie das da aus ihm herausströmt. Dabei sind Cazals’ Werke kompositorisch immer stimmige, spannende Symphonien, die oft komplex sind und ein wenig Geduld erfordern, bis sie sich dem Betrachter erschließen. Auf den ersten Blick herrscht Chaos in seinen Bildern, alles scheint widersprüchlich, entzieht dem klaren Erkennen. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man, wie die einzelnen Elemente zueinander in Bezug stehen, wie sie eben gerade nicht chaotisch-zufällig zu Papier gebracht, sondern ganz bewusst angeordnet und manchmal geradezu aufgetürmt wurden. Was vielleicht wie ein Schmutzfleck aussieht ist in Wirklichkeit ein bewusst gewähltes gestalterisches Mittel, ein zufällig wirkender Riss gehört für ihn zur vollendeten Komposition.


Auch bildnerische Darstellung folgt Regeln, doch Cazals gelingt es in seinen Kompositionen diese Regeln voll auszuschöpfen und ihnen so eine weit größere Ausdrucksvielfalt zu entlocken als es Sprache jemals kann. Und so lösen die Bilder Cazals’ beim Betrachter zumeist keine logisch zusammenhängenden Gedanken aus. Auge und Assoziation springen „irrational“ hin und her, sind gebannt. Die Phantasie sucht sich eigene Wege, dem Ganzen Herr zu werden und muss scheitern. Ein Psychoanalytiker hätte seine Freude an den Auswüchsen dieser scheinbar unendlich fließenden Phantasie.
 

Als skurril kann man seinen Stil bezeichnen, weil doch bei aller Leidenschaft und allem Schmerz, der in seinen Bildern wohnt, immer auch ein Augenzwinkern, etwas Kauziges, Belustigendes zu finden ist. Vielleicht spielt das Unbewusste Carlo Cazals hier doch einen Streich und nimmt – ähnlich dem Possenreißer am Hofe – den teilweise drastischen Bildinhalten mit dieser humoristischen Einfärbung in gewisser Weise die Schärfe und macht sie so verdaulicher?
 

Einen besonderen Stellenwert nimmt in seinem Oeuvre die Zeichnung ein. Figuren, Tierköp- fe, magische Wesen, Schlangen und Genitalien lagern durch- und übereinander. Sie bilden eine erstaunlich verdichtete Ästhetik. Das ist überhaupt das Wunder in seiner bizarren Kunst, diese ästhetische Anziehungskraft. Chaos, Grauen, Erotik, Gewalt und immer wieder Schönheit brechen sich Bahn, immer wieder sind es Frauenkörper oder Fragmente davon, die Lust und Angst auslösen, die unsere Gedanken an den Rand des Wahnsinns treiben. Auch Fragmente von Selbstportraits tauchen immer wieder auf, oft mit gewalttätigem Aussehen. Alles in Allem haben diese Zeichnungen eine gewaltige Ausstrahlungskraft. Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel kommen einem in die Erinnerung.


Cazals’ Zeichnungen sind besonders, eigenwillig, anders, sie tragen eine eigene, wiedererkennbare Handschrift. Man liest in ihnen, von den Leiden, Verzweiflungen, von den Hoffnungen der Menschen, von ihren Erniedrigungen und Qualen, also von all dem ach so Menschlichen. Doch wie kann der Betrachter einen Zugang bekommen?
Cazals will keine konkreten Assoziationen hervorrufen, sondern beim Betrachter etwas zum Klingen bringen: „Ich will, dass die Leute etwas merken, wenn sie meine Bilder sehen, dass sie angerührt sind“, so der Künstler.

„Doch nur, wer selbst vollkommene Aufopferung, zerreißende Leiden- schaft oder auch Todesangst erlebt hat oder zumindest akzeptiert, dass es diese extremen Ausprägungen gibt – wird den Mut haben, sich auf meine Bilder einzulassen, um etwas zu merken.“

So sei es.


Franz N. Kröger - Kurator Kunsthalle Kühlungsborn 2015

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